Für Angehörige

Eigene Grenzen schützen: Selbstfürsorge für Angehörige

Von Redaktion psychische-erkrankungen.com · Aktualisiert am

Vielleicht sind Sie längst an dem Punkt, an dem sich Ihr Tag um die Erkrankung eines anderen Menschen sortiert. Das Handy bleibt nachts an. Verabredungen sagen Sie vorsichtshalber ab. Und wenn Freunde fragen, wie es Ihnen geht, reden Sie über den anderen. Irgendwann taucht ein Gedanke auf, der sich verboten anfühlt: Ich kann nicht mehr. Dieser Gedanke ist kein Versagen. Er ist eine Information, und diese Seite handelt davon, was Sie damit tun können.

Warum Selbstschutz keine Illoyalität ist

Viele Angehörige tragen ein stilles Gelübde mit sich: Wenn es ihm schlecht geht, darf es mir nicht gut gehen. Das klingt nach Loyalität, führt aber in eine Sackgasse. Eine erkrankte Person gewinnt nichts, wenn neben ihr ein zweiter Mensch ausbrennt. Sie verliert im Gegenteil die stabilste Beziehung, die sie hat.

Dazu kommt eine unbequeme Wahrheit: Grenzenlose Verfügbarkeit kann Genesung sogar erschweren. Wer jede Aufgabe abnimmt, jeden Anruf entgegennimmt und jede Absage auffängt, nimmt der erkrankten Person auch die kleinen eigenen Schritte, aus denen Selbstwirksamkeit entsteht. Grenzen sind deshalb nicht das Gegenteil von Unterstützung. Sie sind eine Form davon.

Warnsignale: wann aus Sorge Überlastung wird

Überlastung kommt selten über Nacht. Typische Zeichen, die Angehörige rückblickend beschreiben: Sie schlafen schlecht, auch wenn nichts passiert ist. Sie sind dauerhaft gereizt, oft gegenüber Unbeteiligten. Eigene Termine, Hobbys und Freundschaften sind stillschweigend verschwunden. Körperlich melden sich Verspannungen, Infekte, Erschöpfung. Und emotional wächst etwas, das viele erschreckt: Groll gegen den Menschen, um den sie sich sorgen, gefolgt von Schuldgefühlen für genau diesen Groll.

Wenn Sie sich in mehreren dieser Zeichen wiederfinden, ist das kein Anlass für ein schlechtes Gewissen, sondern für eine Kurskorrektur. Dauerbelastung ist ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko, auch für Sie [VERIFY: Beleg Angehörigenbelastung, z. B. BApK-Material oder Studienquelle mit Jahr; sonst Satz allgemein halten].

Grenzen formulieren: konkret und ohne Schuldzuweisung

Eine Grenze, die nur gedacht wird, hält nicht. Eine Grenze, die als Vorwurf daherkommt („Du erdrückst mich!”), verletzt. Was trägt, ist ein ruhiger Satz nach dem Muster: was ich weiter tue, was ich nicht mehr tue, was stattdessen gilt. So kann das klingen:

Bei nächtlichen Anrufen: „Ich bin für dich da, und ich brauche meinen Schlaf, um das zu bleiben. Ab 22 Uhr gehe ich nicht mehr ans Telefon. In einer echten Krise ruf die Telefonseelsorge oder den Notruf, und morgens rufe ich dich als Erstes zurück.”

Bei ständigen Absagen: „Ich lade dich weiter ein, und ich höre auf, meine Pläne von deiner Tagesform abhängig zu machen. Wenn du absagst, gehe ich trotzdem. Die Tür bleibt offen.”

Beim Thema Geld: „Ich leihe dir kein Geld mehr, weil es zwischen uns steht. Was ich gern mache: Ich setze mich mit dir hin, und wir schauen, welche Unterstützung dir zusteht.”

Rechnen Sie damit, dass eine neue Grenze zunächst auf Widerstand stößt, gerade wenn lange alles verfügbar war. Das ist unangenehm, aber kein Beweis, dass die Grenze falsch ist. Bleiben Sie freundlich und bleiben Sie dabei. Welche Sätze im Alltag mit einer depressiv erkrankten Person zusätzlich helfen, steht im Artikel Umgang mit depressiven Menschen.

Verantwortung teilen: wer außer Ihnen zuständig ist

Ein Teil der Last liegt nur deshalb bei Ihnen, weil niemand sonst sie bisher kennt. Das lässt sich ändern. Das Behandlungsteam ist für die Behandlung zuständig, nicht Sie. Der Sozialpsychiatrische Dienst berät, auch aufsuchend, und kennt die Hilfen vor Ort. Bei anerkanntem Pflegegrad gibt es Leistungen, die pflegende Angehörige gezielt entlasten, etwa Verhinderungspflege und Entlastungsbetrag [VERIFY: SGB XI, aktuelle Leistungsnamen und Voraussetzungen, Stand-Datum]. Auch andere Familienmitglieder dürfen Aufgaben übernehmen; oft passiert das erst, wenn jemand ausdrücklich fragt.

Wenn die erkrankte Person jede Behandlung ablehnt und Sie deshalb alles auffangen, lesen Sie ergänzend: Wenn jemand sich nicht helfen lassen will.

Entlastung, die Sie selbst in Anspruch nehmen dürfen

Angehörigengruppen sind für viele der wirksamste einzelne Schritt: Menschen, die dieselbe Erfahrung tragen, vor denen man nichts erklären und nichts rechtfertigen muss. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) vermittelt Telefonberatung und örtliche Gruppen.

Auch eigene professionelle Unterstützung ist legitim, nicht erst im Zusammenbruch. Ein Gespräch in der Hausarztpraxis, eine psychotherapeutische Sprechstunde über die 116 117 oder eine Beratungsstelle: Nichts davon setzt voraus, dass Sie „krank genug” sind. Dauerbelastung reicht als Grund. Einen Überblick über alle Anlaufstellen gibt der Wegweiser für Angehörige.

Quellen

QuelleVerwendungAbrufdatum
BApK e. V.: Materialien und Beratungsangebote für AngehörigeSelbsthilfe, Entlastungswegebeim Publish
SGB XI [VERIFY: Verhinderungspflege/Entlastungsbetrag, aktuelle Fassung]Entlastungsleistungen bei Pflegegradbeim Publish
116117.de / KBV: psychotherapeutische Sprechstundeeigener Zugang zu Beratung/Therapiebeim Publish
NVL Unipolare Depression [VERIFY: Version, Angehörigen-Kapitel]Rolle und Belastung Angehörigerbeim Publish

Stand: . Diese Seite informiert, sie ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Häufige Fragen: Eigene Grenzen schützen: Selbstfürsorge für Angehörige

Woran merke ich, dass ich selbst Hilfe brauche?
Wenn Schlaf, Stimmung oder Gesundheit über Wochen leiden, wenn Ihr eigenes Leben praktisch verschwunden ist oder wenn Sie nur noch funktionieren: Dann ist ein eigenes Beratungs- oder Arztgespräch dran. Nicht als letzter Ausweg, sondern als normale Vorsorge. **Was ist, wenn die erkrankte Person auf eine Grenze mit Rückzug oder Vorwürfen reagiert?** Das kommt vor und tut weh. Bleiben Sie beim Satz „Die Tür bleibt offen" und halten Sie die Grenze trotzdem. Vorwürfe sind oft Ausdruck von Angst vor Veränderung, nicht das letzte Wort der Beziehung.