Verständlich erklärt

Was bedeutet psychosomatisch? Der Begriff, übersetzt

Von Redaktion psychische-erkrankungen.com · Aktualisiert am

Der Anlass für diese Frage ist selten Neugier. Meist liegt ein Arztbrief auf dem Tisch, oder im Sprechzimmer fiel ein Satz wie „Da spielt sicher auch die Psyche mit”. Viele Betroffene fahren mit einem nagenden Gedanken nach Hause: Glaubt man mir nicht? Bildet sich das jemand ein? Die kurze Antwort vorweg: Nein. Wer „psychosomatisch” sagt und „simuliert” meint, benutzt das Wort falsch. Was es wirklich bedeutet, sortiert diese Seite.

Die kurze Antwort

Psychosomatisch beschreibt Beschwerden, bei denen Körper und Seele zusammenwirken: Belastungen, Stress oder Konflikte tragen dazu bei, dass körperliche Symptome entstehen, stärker werden oder nicht wieder verschwinden. Das Wort trifft keine Aussage darüber, wie schlimm eine Beschwerde ist, und schon gar keine darüber, ob sie echt ist.

Ein Vergleich aus dem Alltag: Vor einer Prüfung schlägt vielen Menschen der Stress auf den Magen. Niemand käme auf die Idee, diese Übelkeit für Einbildung zu halten. Psychosomatische Störungen funktionieren im Prinzip ähnlich, nur dass die Belastung länger wirkt und die Beschwerden sich verselbstständigen können. Einen Überblick über das Krankheitsbild gibt der Artikel Psychosomatische Störungen.

Woher der Begriff kommt

Das Wort ist älter, als viele vermuten. Es stammt aus dem Griechischen, von psyche für Seele und soma für Körper, und wurde bereits Anfang des 19. Jahrhunderts von dem Arzt Johann Christian August Heinroth verwendet [VERIFY: Heinroth, Namensnennung und Datierung gegen Lehrbuch-Referenz]. Zu einem eigenen medizinischen Fach wurde die Psychosomatik in Deutschland im 20. Jahrhundert, geprägt unter anderem durch Thure von Uexküll [VERIFY: Uexküll als prägende Figur, Lehrbuch-Referenz]. Heute gibt es dafür eine eigene Facharztrichtung, die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Für Sie ist an dieser Geschichte vor allem eines interessant: Die Medizin beschäftigt sich seit über einem Jahrhundert ernsthaft und wissenschaftlich mit dem Zusammenspiel von Körper und Seele. Der Begriff gehört in die Sprechstunde, nicht in die Esoterik-Ecke, und er ist das Gegenteil einer Verlegenheitsfloskel.

Was psychosomatisch NICHT heißt

Drei Missverständnisse halten sich hartnäckig, und alle drei sind falsch.

Psychosomatisch heißt nicht eingebildet. Eingebildete Beschwerden wären solche, die gar nicht stattfinden. Psychosomatische Beschwerden finden statt, messbar und spürbar; verspannte Muskeln schmerzen wirklich, ein gestresster Darm rebelliert wirklich.

Psychosomatisch heißt nicht simuliert. Simulieren bedeutet, Symptome absichtlich vorzutäuschen, etwa um eine Krankschreibung zu bekommen. Das ist etwas völlig anderes und hat mit einer psychosomatischen Störung nichts zu tun.

Und psychosomatisch heißt nicht „psychisch krank im Sinne von verrückt”. Die Diagnose sagt nichts über Ihren Verstand, Ihre Leistungsfähigkeit oder Ihren Charakter. Sie sagt, dass Ihr Körper auf Belastung reagiert, und das tut jeder Körper. Worin sich psychische und psychosomatische Erkrankungen unterscheiden und warum die Grenze fließend ist, steht hier: Psychisch oder psychosomatisch: der Unterschied.

Wie aus Belastung körperliche Beschwerden werden

Der Mechanismus dahinter ist keine Zauberei, sondern beschreibbare Physiologie. Bei Stress schaltet der Körper in einen Alarmzustand: Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Verdauung wird gedrosselt. Diese Reaktion ist normal und kurzfristig sogar nützlich.

Problematisch wird die Dauer. Bleibt die Belastung über Wochen und Monate bestehen, kommt der Körper nicht mehr in die Erholung zurück. Aus der Daueranspannung der Muskulatur können Schmerzen werden, aus der gedrosselten Verdauung anhaltende Magen-Darm-Beschwerden, aus dem Daueralarm Herzrasen oder Schwindel [VERIFY: Erklärungsmodell gegen S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, AWMF 051-001]. Mit der Zeit kann sich die Aufmerksamkeit zusätzlich auf die Symptome richten, und die Sorge um die Beschwerden wird selbst zum Stressfaktor. So entsteht ein Kreislauf, der auch dann weiterläuft, wenn der ursprüngliche Auslöser verschwunden ist.

Was der Satz „Das ist psychosomatisch” beim Arzt bedeutet — und was nicht

Jetzt zur eigentlichen Situation hinter Ihrer Suche: dem Satz aus dem Sprechzimmer oder dem Arztbrief. Übersetzen wir ihn.

Was der Satz bedeutet: Die bisherigen Untersuchungen haben keinen organischen Befund ergeben, der Ihre Beschwerden ausreichend erklärt. Ihre Ärztin zieht deshalb in Betracht, dass Belastung, Stress oder seelische Faktoren an den Beschwerden beteiligt sind. Das ist eine Arbeitshypothese und zugleich eine gute Nachricht, denn sie bedeutet meist: Die gefährlichen Erklärungen sind geprüft und unwahrscheinlich geworden.

Was der Satz nicht bedeutet: Er heißt nicht, dass Sie austherapiert sind. Er heißt nicht, dass niemand Ihnen glaubt. Er heißt nicht, dass die Behandlung hier endet, im Gegenteil, er öffnet einen Behandlungsweg. Und er heißt auch nicht zwingend, dass nie wieder körperlich untersucht wird; bei neuen oder veränderten Symptomen wird erneut abgeklärt.

Falls im Brief stattdessen Formulierungen wie „somatoforme Störung”, „funktionelle Beschwerden” oder „körperliche Belastungsstörung” stehen: Das sind Fachbegriffe verschiedener Diagnose-Kataloge für dasselbe Feld [VERIFY: ICD-10 F45 / ICD-11 6C20, Begriffswandel]. Die Übersetzung dieser Etiketten finden Sie im Überblicksartikel zu psychosomatischen Störungen.

Ein ehrlicher Hinweis zum Schluss: Manchmal wird der Satz auch schlecht überbracht, im Nebensatz, zwischen Tür und Angel. Wenn Sie mit Fragen zurückbleiben, dürfen Sie nachfassen. „Was genau meinen Sie damit, und was ist jetzt der nächste Schritt?” ist eine vollkommen legitime Frage an jede Praxis.

Quellen

QuelleVerwendungAbrufdatum
S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, AWMF 051-001 [VERIFY: aktuelle Fassung und Gültigkeit]Begriffsverständnis, Erklärungsmodell Stressreaktionbeim Publish
Lehrbuch-Referenz Psychosomatische Medizin [VERIFY: z. B. Uexküll, Auflage; Datierung Heinroth]Begriffsgeschichtebeim Publish
ICD-10-GM F45 / ICD-11 6C20 [VERIFY: Codes und Bezeichnungen]Einordnung der Befund-Begriffebeim Publish

Stand: . Diese Seite informiert, sie ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Häufige Fragen: Was bedeutet psychosomatisch? Der Begriff, übersetzt

Was sind psychosomatische Beschwerden?
Körperliche Symptome wie Schmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Herzrasen oder Schwindel, an deren Entstehung oder Fortbestehen seelische Belastung wesentlich beteiligt ist. Sie sind körperlich spürbar und real; der Unterschied zu anderen Beschwerden liegt in der Erklärung, nicht in der Echtheit.
Ist psychosomatisch dasselbe wie eingebildet?
Nein. Eingebildet würde bedeuten, die Beschwerde existiert nicht. Psychosomatische Beschwerden existieren, sie entstehen über normale Körperreaktionen wie Muskelanspannung und Stresshormone. Wer sie als Einbildung abtut, hat den Begriff missverstanden.
Wie erkenne ich, ob meine Symptome psychosomatisch sind?
Selbst gar nicht, und das ist ernst gemeint. Dieselben Symptome können organische und seelische Erklärungen haben, deshalb gehört die Einordnung in ärztliche Hand, beginnend beim Hausarzt. Welche Beschwerden häufig psychosomatisch mitbedingt sind und welche Warnzeichen sofort in die Praxis gehören, lesen Sie hier: Welche Beschwerden können psychosomatisch sein?
Was ist der Unterschied zwischen psychisch und psychosomatisch?
Verkürzt: Bei psychischen Erkrankungen steht das seelische Erleben im Vordergrund, etwa Stimmung oder Ängste. Bei psychosomatischen Störungen stehen körperliche Beschwerden im Vordergrund, an denen seelische Faktoren beteiligt sind. Sauber trennen lässt sich das selten, ausführlich erklärt hier: Psychisch oder psychosomatisch: der Unterschied