Glossar

Phasen der Trauer: Was die Modelle sagen und was nicht

Von Redaktion psychische-erkrankungen.com · Aktualisiert am

Woher die Phasenmodelle kommen

Das bekannteste Modell stammt von der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die 1969 fünf Phasen beschrieb: Nicht-wahrhaben-wollen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Oft geht verloren: Sie untersuchte Sterbende, nicht Hinterbliebene. Erst später wurde das Modell auf Trauernde übertragen [VERIFY: Kübler-Ross 1969, On Death and Dying].

Daneben existieren weitere Modelle, etwa die vier Traueraufgaben nach William Worden oder die vier Phasen nach Verena Kast. Die im Netz verbreiteten „sieben Phasen” sind meist eine Mischung aus mehreren Quellen ohne einheitlichen Ursprung. Wer nach der richtigen Zahl sucht, sucht deshalb vergeblich: Die Modelle sind Landkarten aus verschiedenen Jahrzehnten, keine Naturgesetze.

Was die Forschung heute sagt

Moderne Trauerforschung beschreibt Trauer nicht als Treppe, die man Stufe für Stufe hinabsteigt und hinter sich lässt. Das Zwei-Prozess-Modell von Stroebe und Schut etwa zeigt Trauernde im Pendeln: zwischen Momenten, in denen der Verlust alles ausfüllt, und Momenten, in denen der Alltag weitergeht [VERIFY: Stroebe/Schut 1999]. Beides gehört dazu. Ein guter Tag ist kein Verrat am Verstorbenen, ein Einbruch nach Monaten kein Rückfall auf „Phase zwei”.

Ein Beispiel: Eine Witwe organisiert drei Wochen nach der Beerdigung konzentriert den Papierkram und lacht mit ihrer Enkelin. Am Abend ihres Hochzeitstags, Monate später, trifft sie der Verlust mit voller Wucht. Nach den Phasenmodellen wäre das ein Widerspruch. Nach heutigem Verständnis ist es ein normaler Trauerverlauf.

Nützlich bleiben die Modelle trotzdem: Sie geben Worte für Zustände, die sonst schwer zu fassen sind, und sie entlasten, weil auch Wut oder Erleichterung als normale Reaktionen vorkommen dürfen.

Wann Trauer Unterstützung braucht

Trauer braucht Zeit, und sie darf lange dauern. Aufmerksam werden sollten Sie, wenn der Zustand sich über viele Monate überhaupt nicht verändert: wenn die Sehnsucht und das Kreisen um den Verlust unvermindert den Alltag beherrschen, nichts wieder Bedeutung gewinnt und Arbeit oder Beziehungen dauerhaft nicht mehr möglich sind. Die ICD-11 beschreibt dafür die anhaltende Trauerstörung, in Abgrenzung zur normalen Trauer frühestens nach mehreren Monaten [VERIFY: ICD-11 6B42, Zeitkriterium]. Sie ist gut behandelbar; der Einstieg gelingt über die Hausarztpraxis oder die psychotherapeutische Sprechstunde (Termin über die 116 117).

Auch ohne Diagnose gilt: Wer den Verlust eines nahen Menschen trägt oder Angehörige dabei begleitet, findet Unterstützung, vom Trauercafé bis zur Beratung. Ein Überblick über Anlaufstellen steht im Wegweiser für Angehörige.

Quellen

QuelleVerwendungAbrufdatum
Kübler-Ross, On Death and Dying (1969) [VERIFY: Ausgabe]Ursprung Fünf-Phasen-Modellbeim Publish
Stroebe/Schut, Dual Process Model (1999) [VERIFY: Fundstelle]heutiger Forschungsstandbeim Publish
ICD-11, 6B42 anhaltende TrauerstörungAbgrenzung normale Trauerbeim Publish
Dorsch, Lexikon der Psychologie: TrauerBegrifflichesbeim Publish

Stand: . Diese Seite informiert, sie ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Häufige Fragen: Phasen der Trauer: Was die Modelle sagen und was nicht

Gibt es nun 4, 5 oder 7 Phasen der Trauer?
Alle drei Zahlen stammen aus unterschiedlichen Modellen verschiedener Autorinnen und Autoren. Keines ist wissenschaftlich „bewiesen", keines widerlegt die anderen. Sie sind Beschreibungshilfen, keine Abfolge, die jeder Mensch durchlaufen muss.
Wie lange dauert die schlimmste Trauerphase?
Dafür gibt es keine Normdauer. Verläufe unterscheiden sich stark, und schwere Momente kommen oft in Wellen statt als eine abgrenzbare Phase. Erst wenn sich über viele Monate gar nichts verändert und der Alltag dauerhaft unmöglich bleibt, ist das ein Grund, professionelle Unterstützung zu suchen.
Muss ich alle Phasen durchlaufen, um „richtig" zu trauern?
Nein. Manche Menschen erleben nie Wut, andere nie ein Verhandeln, und viele erleben Zustände gleichzeitig oder mehrfach. Es gibt kein richtiges Trauern, nur Ihres.