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Pflegegrad bei psychischer Erkrankung: Begutachtung, Antrag, Widerspruch

Von Redaktion psychische-erkrankungen.com · Aktualisiert am

Ihre Mutter ist gewaschen und angezogen, wenn Sie zu Besuch kommen. Was dabei niemand sieht: Sie rufen morgens an, damit sie aufsteht. Sie erinnern sie ans Essen, sortieren mit ihr die Post, begleiten sie zu jedem Arzttermin, weil sie allein nicht mehr aus dem Haus geht. Viele Angehörige leisten seit Jahren Pflege, ohne es so zu nennen. Das Gesetz sieht das anders. Diese Seite erklärt, wie die Begutachtung funktioniert und worauf es beim Antrag ankommt.

Pflegegrad auch ohne körperliche Einschränkung — seit 2017

Bis Ende 2016 galten Pflegestufen, und die maßen vor allem körperlichen Hilfebedarf in Minuten. Menschen mit Depressionen, Psychosen oder Angsterkrankungen fielen damit regelmäßig durch das Raster. Mit der Pflegereform durch das Zweite Pflegestärkungsgesetz wurde das System zum 1. Januar 2017 umgestellt: Heute gibt es die Pflegegrade 1 bis 5, und gemessen wird die Selbstständigkeit, nicht die Minutenzahl. Psychische und kognitive Beeinträchtigungen sind dabei körperlichen ausdrücklich gleichgestellt (§ 14 SGB XI).

Voraussetzung ist, dass die Beeinträchtigung der Selbstständigkeit voraussichtlich auf Dauer besteht, mindestens aber für sechs Monate (§ 14 Abs. 1 SGB XI). Eine akute Krise von einigen Wochen begründet also keinen Pflegegrad, ein chronischer Verlauf mit anhaltendem Unterstützungsbedarf kann es sehr wohl.

Wichtig für Ihr eigenes Bild: Als Unterstützung zählt nicht nur, was Sie körperlich übernehmen. Auch Anleiten, Erinnern, Motivieren und Beaufsichtigen sind Formen der Hilfe, die die Begutachtung erfasst.

Wie begutachtet wird: die sechs Module des NBA

Nach dem Antrag beauftragt die Pflegekasse den Medizinischen Dienst, bei privat Versicherten Medicproof, den medizinischen Dienst der privaten Krankenversicherung, mit einer Begutachtung, meist als Hausbesuch. Grundlage ist das Begutachtungsinstrument, oft NBA genannt. Es prüft sechs Lebensbereiche, die unterschiedlich stark in das Ergebnis eingehen (§ 15 SGB XI):

ModulLebensbereichGewicht
1Mobilität10 %
2Kognitive und kommunikative Fähigkeiten15 %, gemeinsam mit Modul 3, siehe unten
3Verhaltensweisen und psychische Problemlagensiehe Modul 2
4Selbstversorgung40 %
5Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen20 %
6Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte15 %

Aus den Modulen ergibt sich ein Punktwert, der den Pflegegrad bestimmt; die Schwellenwerte stehen im Gesetz (§ 15 Abs. 3 SGB XI).

Welche Module bei psychischen Erkrankungen zählen

Hier liegt die Mechanik, die über viele Anträge entscheidet.

Modul 2 erfasst kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Erkennt die Person Menschen aus ihrem Umfeld, findet sie sich örtlich und zeitlich zurecht, kann sie Entscheidungen im Alltag treffen, Gespräche führen, Risiken einschätzen. Modul 3 erfasst Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: Ängste, Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage, nächtliche Unruhe, selbstschädigendes Verhalten, die Abwehr von Unterstützung.

Beide Module werden vollständig erhoben. In das Gesamtergebnis fließt aber nur das ein, das den höheren gewichteten Punktwert erreicht; das andere fällt für die Rechnung weg (§ 15 Abs. 3 SGB XI). Für Sie als Angehörige heißt das: Schildern Sie bei der Begutachtung beide Bereiche vollständig und überlassen Sie dem Gutachter die Zuordnung. Was Sie in Modul 3 verschweigen, weil es Ihnen unangenehm ist, kann am Ende genau der Bereich sein, der gezählt hätte.

Ebenso wichtig ist Modul 4, die Selbstversorgung, denn sie geht mit Abstand am stärksten in das Ergebnis ein. Bei psychischen Erkrankungen wird sie oft unterschätzt, weil die Person körperlich alles könnte. Das Begutachtungsinstrument fragt aber nicht, ob jemand sich waschen könnte, sondern ob er es ohne Aufforderung und Begleitung tatsächlich selbstständig tut. Der Unterschied zwischen „kann” und „tut ohne Anstoß nicht” ist hier keine Spitzfindigkeit, sondern der Kern der Bewertung.

Ehrlich ist auch: Die Mobilität ist bei psychischen Erkrankungen oft unauffällig, das kostet Punkte. Ein Pflegegrad ist erreichbar, aber kein Selbstläufer, und Prognosen je Diagnose sind unseriös; es zählt der Alltag im Einzelfall.

Antrag stellen: Schritt für Schritt

Der Antrag geht an die Pflegekasse. Sie ist bei der Krankenkasse der erkrankten Person angesiedelt, ein Anruf oder ein formloses Schreiben genügt für den Anfang. Das Antragsdatum ist wichtig, denn Leistungen gibt es frühestens ab diesem Datum (§ 33 Abs. 1 SGB XI). Warten Sie also nicht, bis alle Unterlagen beisammen sind.

Antragsberechtigt ist die versicherte Person selbst, außerdem Bevollmächtigte oder rechtliche Betreuer. Ohne Vollmacht können Sie vorbereiten und begleiten, aber nicht gegen den Willen der erkrankten Person handeln.

Danach meldet sich der Medizinische Dienst für den Begutachtungstermin. Über den Antrag muss die Pflegekasse spätestens 25 Arbeitstage nach Eingang schriftlich entscheiden (§ 18c SGB XI).

Vorbereitung auf die Begutachtung: das Pflegetagebuch

Die Begutachtung ist eine Momentaufnahme, und genau das ist bei psychischen Erkrankungen das Problem. Viele Menschen mobilisieren für den Termin alle Kraft, sitzen aufrecht am Tisch und beantworten jede Frage mit „Das geht schon”. Eine Stunde Fassade kann ein Jahr Alltag überdecken.

Das wirksamste Gegenmittel ist ein Pflegetagebuch. Notieren Sie über mehrere Wochen, was Sie tatsächlich tun: geweckt und ans Aufstehen erinnert, Essen zubereitet und beim Essen geblieben, Medikamente gerichtet und an die Einnahme erinnert, zum Arzt begleitet, nachts beruhigt, Einkäufe übernommen, weil die Wohnung nicht verlassen wird. Halten Sie auch fest, was ausfällt, wenn niemand da ist: ausgelassene Mahlzeiten, versäumte Termine, ungeöffnete Post.

Seien Sie beim Termin selbst anwesend und beschreiben Sie den Alltag so, wie er an schlechten Tagen ist. Das fühlt sich an, als würden Sie die Person bloßstellen, während sie daneben sitzt. Es hilft, das vorher gemeinsam zu besprechen: Es geht nicht darum, jemanden schlecht zu machen, sondern darum, dass die Unterstützung sichtbar wird, die längst stattfindet.

Wenn der Bescheid nicht passt: Widerspruch

Gegen den Bescheid können Sie innerhalb eines Monats nach Zugang Widerspruch einlegen. Der Widerspruch kann zunächst formlos eingehen, die Begründung lässt sich nachreichen. Fordern Sie dafür das vollständige Gutachten an, wenn es dem Bescheid nicht beilag, und prüfen Sie es gegen Ihr Pflegetagebuch: Wo weicht die Beschreibung vom Alltag ab?

Ein Widerspruch lohnt sich vor allem dann, wenn das Gutachten den Alltag erkennbar nicht abbildet, etwa weil der Termin ein guter Tag war. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Unterstützung beim Widerspruch bieten Pflegestützpunkte, die Pflegeberatung der Pflegekasse und Sozialverbände wie VdK oder SoVD, die Mitglieder bis vor das Sozialgericht vertreten.

Leistungen je Pflegegrad

Ab Pflegegrad 2 kommen unter anderem Pflegegeld für die häusliche Pflege durch Angehörige oder Pflegesachleistungen durch einen Pflegedienst in Betracht (§§ 36, 37 SGB XI). Bei Pflegegrad 1 sind die Leistungen deutlich schmaler, etwa der Entlastungsbetrag (§ 45b SGB XI). Für Auszeiten pflegender Angehöriger gibt es die Verhinderungspflege; seit Juli 2025 bildet sie mit der Kurzzeitpflege einen gemeinsamen Jahresbetrag (§ 42a SGB XI).

Konkrete Beträge nennen wir hier bewusst nicht, weil sie sich regelmäßig ändern. Die aktuellen Werte erfahren Sie bei der Pflegekasse; die gesetzliche Grundlage für das Pflegegeld ist § 37 SGB XI. Welche weiteren finanziellen Leistungen neben der Pflege infrage kommen, vom Krankengeld bis zur Erwerbsminderungsrente, steht im Überblick Finanzielle Unterstützung für psychisch erkrankte Menschen.

Quellen

QuelleVerwendungAbrufdatum
SGB XI §§ 14, 15 (gesetze-im-internet.de)Pflegebedürftigkeitsbegriff, Gleichstellung psychischer Beeinträchtigungen, Sechs-Monats-Voraussetzung, Modul-Mechanik und Gewichtungen, Pflegegrade20.08.2026
§§ 18, 18c SGB XI (gesetze-im-internet.de)Beauftragung der Begutachtung, Entscheidungsfrist von 25 Arbeitstagen, Übersendung des Gutachtens mit dem Bescheid20.08.2026
§§ 7a, 33, 36, 37, 42a, 45b SGB XI (gesetze-im-internet.de)Pflegeberatung, Leistungsbeginn ab Antragstellung, Leistungen je Pflegegrad, Verweis statt harter Beträge20.08.2026
Medizinischer Dienst Bund: Richtlinien zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit (Begutachtungs-Richtlinien, Fassung vom 21.08.2024; medizinischerdienst.de)Ablauf und Maßstäbe der Begutachtung20.08.2026
§ 84 SGG (gesetze-im-internet.de)Widerspruchsfrist von einem Monat20.08.2026
medizinischerdienst.de (MDK-Reform, Pflegebegutachtung seit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz zum 01.01.2017); medicproof.deUmbenennung MDK in Medizinischer Dienst, Reform der Begutachtung 2017, Medicproof als medizinischer Dienst der privaten Krankenversicherung20.08.2026

Stand: . Diese Seite informiert, sie ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Häufige Fragen: Pflegegrad bei psychischer Erkrankung: Begutachtung, Antrag, Widerspruch

Welchen Pflegegrad gibt es bei Depressionen?
Keinen bestimmten. Die Begutachtung misst nicht die Diagnose, sondern die Selbstständigkeit im Alltag, und die unterscheidet sich bei derselben Erkrankung enorm. Zwei Menschen mit Depression können ohne Pflegegrad und mit Pflegegrad 3 korrekt eingestuft sein. Seriös ist deshalb keine Prognose, sondern nur der Blick auf den konkreten Unterstützungsbedarf.
Was fragt der MDK bei psychischen Erkrankungen?
Der frühere MDK heißt heute Medizinischer Dienst; umbenannt wurde er im Zuge der MDK-Reform, deren Gesetz Anfang 2020 in Kraft trat. Gefragt wird nach dem Alltag: Steht die Person ohne Anstoß auf, isst und wäscht sie sich selbstständig, nimmt sie Medikamente eigenständig, findet sie sich zurecht, bestehen Ängste oder nächtliche Unruhe, hält sie Arzttermine allein ein. Antworten Sie konkret und am Maßstab schlechter Tage, nicht der besten Woche.
Wie hoch ist der GdB bei psychischer Erkrankung?
Der Grad der Behinderung ist etwas anderes als der Pflegegrad. Er wird vom Versorgungsamt nach dem SGB IX festgestellt und misst die Beeinträchtigung der Teilhabe, nicht den Pflegebedarf (§ 152 SGB IX, Versorgungsmedizin-Verordnung); eine pauschale Höhe je Diagnose gibt es auch hier nicht. Beides kann nebeneinander bestehen und wird getrennt beantragt. Mehr dazu im Artikel Finanzielle Unterstützung.
Was kann man beantragen, wenn man psychisch krank ist?
Je nach Lebenslage unter anderem Krankengeld, Leistungen zur Teilhabe, einen Grad der Behinderung, Grundsicherung oder eben Pflegeleistungen. Welche Leistung aus welchem System kommt und wer beim Antrag hilft, haben wir gesondert aufgeschrieben: Finanzielle Unterstützung für psychisch erkrankte Menschen. Eine erste Orientierung für Angehörige insgesamt gibt der Wegweiser für Angehörige.