Verständlich erklärt

Psychosomatische Schmerzen: warum sie real sind und wie sie entstehen

Von Redaktion psychische-erkrankungen.com · Aktualisiert am

Der Rücken schmerzt seit Monaten, aber das MRT ist unauffällig. Der Kopf drückt fast täglich, die Neurologin findet nichts. Wer diesen Weg geht, hört früher oder später das Wort psychosomatisch, und viele Betroffene verstehen darin eine Abwertung. Dabei sagt das Wort nichts über die Echtheit des Schmerzes. Es sagt etwas über seinen Entstehungsweg.

Der Schmerz ist real

Das ist die Kernbotschaft dieser Seite, und sie steht mit Absicht ganz oben. Schmerz entsteht immer im Nervensystem, egal ob der Auslöser ein gebrochener Knochen ist oder monatelange Daueranspannung. Die Schmerzbahnen, die Botenstoffe, das Erleben: alles identisch. Es gibt keinen „echten” Schmerz erster Klasse und einen psychosomatischen Schmerz zweiter Klasse.

Falls Ihnen jemand sagt, Ihre Schmerzen seien eingebildet, dürfen Sie das gedanklich korrigieren: Einbildung wäre etwas, das nicht stattfindet. Ihr Schmerz findet statt. Die Frage ist nicht, ob er existiert, sondern was ihn antreibt, und genau darum kümmert sich eine gute Abklärung. Was der Begriff psychosomatisch grundsätzlich bedeutet, erklären wir hier: Was bedeutet psychosomatisch?

Wie Psyche Schmerz verstärkt und unterhält

Drei Mechanismen beschreiben Fachleute besonders häufig, und alle drei sind gut untersuchte Körpervorgänge, keine Metaphern.

Der erste ist die Stressreaktion. Unter anhaltender Belastung bleibt die Muskulatur angespannt, oft ohne dass Sie es bemerken, typischerweise im Nacken, im Kiefer, im unteren Rücken. Dauerhaft angespannte Muskeln schmerzen, und der Schmerz erhöht wiederum die Anspannung [VERIFY: Darstellung gegen S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, AWMF 051-001, Kapitel Schmerz].

Der zweite ist das Schmerzgedächtnis. Das Nervensystem lernt aus Wiederholung. Werden Schmerzsignale über längere Zeit immer wieder gemeldet, reagieren die beteiligten Nervenzellen zunehmend empfindlicher und feuern irgendwann leichter, auch bei Reizen, die früher keinen Schmerz ausgelöst hätten [VERIFY: Konzept Schmerzgedächtnis, Quelle S3-Leitlinie 051-001 bzw. dort zitierte Literatur].

Der dritte trägt den Fachnamen zentrale Sensibilisierung: Das Gehirn und das Rückenmark, also die zentrale Schaltstelle der Schmerzverarbeitung, drehen die Verstärkung der eingehenden Signale hoch [VERIFY: Begriff und Darstellung gegen S3-Leitlinie 051-001]. Vereinfacht gesagt wird nicht der Körper immer kränker, sondern die Schmerzverarbeitung immer empfindlicher. Angst vor dem Schmerz, Schonung und schlechter Schlaf können diesen Prozess zusätzlich befeuern.

Wichtig bleibt die Einordnung: Diese Mechanismen beschreiben, wie Schmerz sich verselbstständigen kann. Ob sie bei Ihren Beschwerden eine Rolle spielen, kann nur die ärztliche Abklärung zeigen.

Typische Muster

Bestimmte Verläufe lassen bei Fachleuten an eine psychosomatische Beteiligung denken. Dazu gehören Schmerzen, die den Ort wechseln, heute der Rücken, nächste Woche der Kopf, dann der Bauch. Dazu gehört ein erkennbarer Zusammenhang mit Belastungsphasen, etwa wenn die Beschwerden in stressigen Wochen aufflammen und im Urlaub leiser werden. Und dazu gehört ein Verlauf, der über Monate anhält, während Untersuchungen wiederholt ohne ausreichenden Befund bleiben.

Ein Muster ist allerdings kein Beweis, in keine Richtung. Auch organisch erklärbare Schmerzen können mit Stress schwanken, und auch bei langjährigen Beschwerden kann eine körperliche Ursache dahinterstecken. Aus solchen Mustern eine Selbstdiagnose zu bauen, wäre deshalb der falsche Schluss. Sie sind Beobachtungen, die ins Arztgespräch gehören, mehr nicht. Einen Überblick, welche Beschwerden über Schmerz hinaus psychosomatisch mitbedingt sein können, gibt der Artikel Welche Beschwerden können psychosomatisch sein?

Warum „zuerst körperlich abklären” trotzdem gilt

So verständlich der Wunsch ist, dem Rätsel selbst auf die Spur zu kommen: Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar. Neue, starke oder sich verändernde Schmerzen gehören zuerst in ärztliche Abklärung. Das gilt besonders bei Warnzeichen wie Schmerzen nach einem Sturz oder Unfall, Schmerzen mit Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, Lähmungen oder Gefühlsstörungen sowie nächtlichen Schmerzen, die aus dem Schlaf wecken [VERIFY: Warnsymptome gegen S3-Leitlinie 051-001 und NVL Kreuzschmerz]. Diese Liste ersetzt keine Untersuchung; im Zweifel gehen Sie einmal zu oft in die Praxis als einmal zu wenig.

Der richtige Startpunkt ist die Hausarztpraxis. Dort wird entschieden, welche Untersuchungen sinnvoll sind und welche nicht. Auch das Gegenteil von Abklärung hat übrigens Risiken: immer neue Bildgebung und Spezialistentermine auf eigene Faust können die Sorge vergrößern, ohne den Schmerz zu erklären. Eine geordnete Abklärung mit einer Praxis, die den Überblick behält, ist der bessere Weg. Mehr zum Krankheitsbild insgesamt: Psychosomatische Störungen.

Was Sie selbst beobachten können: das Symptomtagebuch

Es gibt eine Sache, die Sie besser können als jedes Labor: Ihren Alltag beobachten. Ein Symptomtagebuch über zwei bis vier Wochen macht daraus verwertbare Information fürs Arztgespräch. Es geht dabei nicht darum, selbst eine Diagnose abzuleiten, sondern Ihrer Ärztin Muster zu zeigen, die in einer Momentaufnahme im Sprechzimmer unsichtbar bleiben.

Notieren Sie täglich kurz, drei Minuten reichen:

Was notierenBeispiel
Datum und UhrzeitDienstag, 7:30 und 21:00
Situation davorTeamkonferenz, Streit, Autofahrt, freier Tag
Anspannung (0 bis 10)7
Schmerz: Ort und Stärke (0 bis 10)Nacken, 6
Verlauf über den Tagmorgens stark, nach dem Spaziergang besser
Was Sie getan haben und was halfWärme, Bewegung, Pause, nichts

Nach ein paar Wochen zeigt so ein Tagebuch oft Zusammenhänge, die vorher niemand sehen konnte: Schmerzspitzen an bestimmten Wochentagen, Ruhe in den Ferien, ein Zusammenhang mit Schlaf oder Konflikten. Genauso wertvoll ist der umgekehrte Befund, nämlich dass kein Muster erkennbar ist. Beides hilft bei der Einordnung. Nehmen Sie das Heft oder die Notiz-App einfach mit in den nächsten Termin.

Quellen

QuelleVerwendungAbrufdatum
S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, AWMF 051-001 [VERIFY: aktuelle Fassung und Gültigkeit, Kapitel Schmerz]Mechanismen, Warnsymptome, Behandelbarkeitbeim Publish
Nationale VersorgungsLeitlinie Kreuzschmerz [VERIFY: Version, Red-Flag-Kapitel]Abgrenzung, Warnzeichen bei Rückenschmerzbeim Publish
ICD-10-GM F45.4 / ICD-11 6C20 [VERIFY: Codes chronische Schmerzstörung / körperliche Belastungsstörung]Einordnung des Krankheitsbildsbeim Publish

Stand: . Diese Seite informiert, sie ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Häufige Fragen: Psychosomatische Schmerzen: warum sie real sind und wie sie entstehen

Wie zeigen sich psychosomatische Schmerzen?
Sehr unterschiedlich, häufig als Rücken-, Kopf-, Bauch- oder Muskelschmerzen, die über Wochen anhalten, den Ort wechseln können und mit Belastungsphasen schwanken. Ihr Erscheinungsbild allein unterscheidet sie nicht von organisch erklärten Schmerzen, deshalb gehört die Einordnung in ärztliche Hand.
Warum entstehen psychosomatische Schmerzen?
Weil anhaltende Belastung den Körper messbar verändert: Muskeln bleiben angespannt, das Nervensystem meldet häufiger Schmerz, und die Schmerzverarbeitung wird mit der Zeit empfindlicher. Der Schmerz braucht dann keinen frischen Auslöser mehr, das Nervensystem hat ihn gelernt.
Sind psychosomatische Schmerzen heilbar?
Sie sind gut behandelbar, und viele Betroffene erreichen eine deutliche Besserung bis hin zur Beschwerdefreiheit. Ein Versprechen lässt sich daraus nicht machen, Verläufe sind individuell. Klar ist: Je früher die Beschwerden ernst genommen und geordnet abgeklärt werden, desto besser sind die Aussichten.
Welches Medikament hilft bei psychosomatischen Schmerzen?
Diese Frage beantworten wir bewusst nicht, und das hat einen Grund: Ob und welches Medikament infrage kommt, hängt von Diagnose, Begleiterkrankungen und Ihrer Gesamtsituation ab. Das kann nur die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt beurteilen. Von Schmerzmitteln auf eigene Faust über längere Zeit raten wir ab; sprechen Sie stattdessen in der Praxis an, was Sie bereits einnehmen.